Stuttgart

Einer der Moderatoren blies ein riesiges Saxophon, er hatte keine Unterstützung, aber eine Menge Spaß. In der Pause stand er neben mir, zu meiner Rechten, wir warteten auf Bier und ich fragte ihn, ob das tatsächlich Gernhardt sei zu meiner Linken, er war es. Nachdem er mich als Fan vorgestellt hatte, redeten wir ein wenig, der Gernhardt und ich und was man so reden nennt; ich redete dummes Zeug, er lächelte milde. Als die Pause vorbei war, verschwand er zurück in die erste Reihe, das Glas in der Hand, ich blieb stehen. Das war ein guter Platz, etwas seitlich der Bühne, die Slammer, die es hinter sich gebracht hatten, liefen hier ein und schauten den Nachfolgenden zu, war ich gut?, sicher waren sie gut, alle, weiß nicht, war ein bisschen nervös, nein, wirklich klasse, und dann wieder rauchen und trinken und lachen, sowieso alle und alles verqualmt und besoffen und glücklich. »Sir« Jan Off hat es dann nachher gemacht, beim National 2000. Später Tanzmusik. Irgendwann torkelte ich Tracy Splinter hinterher, die Stufen hoch, ich hatte ihren Beitrag nur unvollkommen verstanden, englisch, aber diese Stimme!, dieser löchrige Pullover!, dieser Abend!, also ein Autogramm, was auch sonst, reden wäre ja unmöglich gewesen, wie sollte ich mit ihr reden können. Der Zettel hing lange an meinem Regal, eine grüne Erinnerung an nichts. Irgendwann hockte ich schwankend am Rande der Bühne, drehte mich immer wieder um, hin zu dieser anderen Frau, diesen anderen Männern, so unglaublich jung das alles, Freestyle, Rap, was auch immer die dort oben machten, es war mir neu und unergründlich und es erschien mir so unfassbar lebendig. Irgendwann sprach mich ein Bursche an, tatsächlich, wir waren gemeinsam zur Schule gegangen, Gestaltung, ich wusste nicht mehr viel von ihm, er war ein schlechter Zeichner, aber das ist eh wurscht, und da hinten ist Sven, der ist jetzt Künstler, er lachte, dann laberten wir und tranken und verabredeten die Weltherrschaft, mindestens aber ein Wiedersehen, wie man das eben so macht, wenn man sich nach ewigen Zeiten volltrunken wiedertrifft. Ich konnte mich nicht trennen von diesem Abend.

Letzten Sonntag dann Stuttgart, vier Jahre danach. Alles viel professioneller, alles viel sauberer, die Bühne, die Beleuchtung, der Beamer beamt Logo und Zwischenstand, die aufsteigenden Sitzreihen, die saubere Luft, das Mitnehmen von Getränken in die Halle ist verboten. Wir konnten uns nicht entscheiden, ob wir die Vorrunde in T2 oder T3 nehmen, C. will in T2. Später die Endrunde in T1 und Livemusik, wenn die Karten mit den Wertungen hochgehen. Wir sehen die ersten vier Leute, bin mir nicht sicher, ob der erste Mischa da nicht der Taxi-Mischa ist, egal, er brüllt gegen die Halle an, kann ihn kaum sehen, da hinten auf der Bühne, dann müssen wir gehen. Unser Zug fährt um elf. Am Ausgang der Halle der Tisch: Bücher, CDs, Merchandising, die meisten Namen kenne ich noch von dem Slam in Düsseldorf damals, die meisten haben es wohl geschafft irgendwie, irgendwas, keine Ahnung. Professionell ist das alles geworden. Ich bin mit der falschen Erinnerung dorthin gefahren, ist ja manchmal so, dass man sie verliert, diese Dinge, wenn der Erfolg kommt. Später im Zug: eine Dose Bier, ich erschrecke als der Druck entweicht, die Dose fällt in meiner Hand beinahe zusammen. Bin die modernen Dosen nicht gewöhnt, dünnwandig all das.

   

   
thema [Ahnungslosigkeiten]
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Stand: 2008.10.10, 20:06
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