Wenn ich auf dem Balkon stehe und rauche, sehe ich an manchen Tagen meinen Steuerberater unten vorbeigehen. Er ist schwarz gekleidet, immer, und er streckt seinen Kopf bei jedem Schritt nach vorn. Wie eine Taube. Er schaut nie zu mir hinauf. Irgendwann werde ich ein Brötchen hinunterwerfen.

   

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tumble

Während sie gehen, entrollt sich die dünne Hundeleine, am Ende eine Maus. Ich kenne mich mit Hunden nicht aus, die Sorte hat sicher einen richtigen Namen. Chihuahua oder Monchichi oder so. Jedenfalls ist dieser Hund außerordentlich klein, er hat die Beine gespreizt, sein Geschlecht auf den Boden gedrückt und pinkelt.

Als die Leine ihr Ende erreicht, scheint die junge Frau das zu bemerken, sie hält inne und schaut zurück. Sie muss eine Ahnung von seinem Verharren haben, spüren wird sie es kaum; ich kann mir nicht vorstellen, dass ein solch leichter Hund irgendeinen Widerstand bietet. Aber ich kenne mich mit Hunden nicht aus, vielleicht hat er ja auch seine Krallen in den Fugen des Bürgersteigs versenkt. Sie rennt auf ihn zu, das Band rollt sich auf, dann ist sie da und zieht die kurze Leine mit Schwung in die Höhe, der Hund am anderen Ende und nun in der Luft, und mit einer sanften Bewegung schwingt sie also Leine und Hund und einen Bogen von Pisse um jene Mauer herum auf den Rasen des Vorgartens neben dem Gehweg. Das mit dem Bogen von Pisse stelle ich mir so vor, um ehrlich zu sein – ich habe es nicht gesehen. Vielleicht hat er ja auch vor Schreck bis zur Landung innegehalten. Ich stelle mir auch vor, dass er vielleicht schreit, der Hund, so karatemäßig hoooiuaaaa, während des Fluges; Massen von fliegenden Hunden stelle ich mir vor, die in der Luft aneinanderdotzen; ein fliegendes Knäuel ineinander verkeilter Hunde; Hammerwerfen; all solches Zeugs stelle ich mir vor, ich kann nichts dafür.

Später sind sie weg, die Menschen und der Hund, in dem verbleibendem dunklen Fleck auf dem Bürgersteig kann ich beim besten Willen nichts entdecken. Ich schaue mir solche Dinge ja automatisch im Hinblick auf versteckte Botschaften an, mindestens aber auf schlüssige Assoziationen; Wolken, Strukturen, Pfützen. Dieser Fleck hier besteht aus zweien, die durch ein schmales Band verbunden sind. Kopfhörer vielleicht? Ach nee.

   

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Ich habe das dringende Bedürfnis, die Welt zu retten;
ich habe mir vorgenommen, bei mir zu beginnen.

   

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Nach der Arbeit ein Beck, down.
Down, down.

   

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Ich wär’ gern Synästhetiker,
dann schmeckte mir die Arbeit mehr.

   

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Stille Post

Mein Ellenbogen stößt auf die Betonkante. Ich sehe es aus den Augenwinkeln; ich merke es, weil die geplante Bewegung sabotiert ist.

Es bleibt der Bruchteil einer Sekunde für das, was zu tun ist, der Bruchteil einer Sekunde, in dem sich mein Gesicht präventiv zur Grimasse verzieht; in dem tausend Flüche meinen Kopf durchrasen; in dem die Spanne der Auswirkungen auf meinen Körper (Bruch, Beule, Nichts) durchdacht wird; in dem der Schrei schon in mir wächst. Der Schmerz ist unterwegs zur mir, für Flucht ist es zu spät. Wohin auch.

   

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Arbeit und dunkelbunt im Dauerlauf. Für einen Moment hatte ich den dringenden Plan, meine Arbeit möge irgendwann dieser Musik auf Augenhöhe begegnen, eine visuelle Entsprechung sozusagen, im gleichen Moment wusste ich um die Illusion.

Eine visuelle Entsprechung dieser Musik, die ich sehr liebe, würde mir nicht gefallen. Dachte ich. Aber ich bin mir nicht mehr sicher. Die Ergebnisse meiner Arbeit sind anders, aufgeräumter und klarer, so wollte ich mir das erklären, aber irgend etwas stimmt da nicht: Diese Musik ist weder unaufgeräumt, noch unklar, im Gegenteil. Vielleicht sind es einfach Substanz und Fülle, die sich unterscheiden, ich bin ordentlich in leeren Räumen.

Vielleicht ist es meine Arbeit, die sich unterscheidet, nur auf den ersten Blick; vielleicht bin ich es, in meiner Arbeit. Immer schnell, immer direkt, ich meide Umwege. Das hat Gründe, in der Regel den Zeitdruck, keine guten Gründe also.

Ich frage mich, wie ich arbeiten würde, wenn es nicht mehr Arbeit wäre. Dunkelbunt, was mag das sein.

   

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Für einen Moment war ich mir nicht sicher, erst als sie näher kam, erkannte ich, dass es eine Taube war. Im Gleitflug nun schon über eine solch lange Strecke und in einer solchen Ruhe, ich hätte ihr den Raubvogel beinahe abgenommen. Über dem Dach verlor ich sie aus den Augen. Ich würde nicht aufhören, zu segeln, wenn ich sie wäre, und jedes Ziel, wenn da eins war, aufgeben für diesen Flug. Später, am Boden, da werden sie ihr zunicken. Ja, ja, ja; nee, nee, nee.

   

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Es riecht so sehr nach Regen, heute, und ich bin mir nicht sicher, ob die Straße nass ist. Aber ich habe mir fest vorgenommen, an dieser Welt nicht zu verzweifeln.

   

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noise

Das Auto fährt vorbei, ein anderes parkt ein, ein drittes wendet, andere. Ich höre sie nur, sie klingen miteinander. Es ist kein schwieriger Akkord. Gerade wenig genug, sie auseinanderhalten zu können.

In mir und im Auseinanderhalten werden ihre Klänge zum ersten Mal auch zu dem, was sie tatsächlich sind, zu Maschinengeräuschen. Und mit einem Mal verlieren die Autos ihre gewohnten Attribute, sie verlieren die Räder, Scheiben, die Flanken und Türen, all das verliert sich und mein inneres Bild zeigt nur noch die Maschine mit Kabeln und Schläuchen, und dahinter den Menschen, wie er in der Luft sitzt und auf Pedalen, das Lenkrad wie Zügel in den Händen, gezogen vom Lauten. Dann wird es ruhiger und die Bilder verfliegen.

   

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Mai, Juni

Dieser komische Maikäfer fliegt jeden Abend die gleiche Runde: An meinem Balkon vorbei, immer wieder an die Verblendung des darüber liegenden stoßend, neu Anlauf nehmend, Häuserwand und zurück und auf ein Neues, da ist kein Vorbeikommen.

Ich stelle mir vor, dass er auf der Suche nach jener Maikäferstraße aus uralten Zeiten ist, die ihm in seine Gene gelegt wurde, und nun den Unglauben über diese Fehlinformation an den Häuserwänden abarbeitet. Aber ich kenne mich nicht aus. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es ein Maikäfer ist. Ich sehe ihn nur im halben Licht torkeln, eigentlich ist ja nicht mehr Mai und er ist zu klein für einen Maikäfer, kann sein, dass ich mich täusche. Vielleicht ist nur meine Erinnerung gewachsen.

   

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Als die kleine Spinne (ich weiß gar nicht, ob diese megakleinen Spinnen Babys sind oder einfach einen megakleine Spinnenart, vielleicht gibt es ja eine megakleine Welt in der großen, mit megakleinen Spinnen, Schafen, Autos, was weiß ich), als diese kleine Spinne sich also vom Sonnenschirm abseilte und direkt vor meinen Augen innehielt (mit einem kleinen Ruck, dann wippend, wie ich mir einbilde), da musste ich an Tom Cruise denken.

   

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Wilde Feger

Das Blatt sträubt sich, henn henn, er umkreist es mit seinem Laubbläser, aber das Blatt will nicht geblasen werden. Auf der anderen Straßenseite ein Kollege, henn henn. Solche Gerätschaften sind für Jungens gemacht, frisierte Zweitakter, unter den riesigen Lärmschutzkopfhörern laufen sicher die Achtziger, Wham oder sowas, Wake me up before you go-go oder sowas, bin ja schon wach, schaue ja zu. In mir wächst der Verdacht, sie machen ein Wettrennen. Jeder ein Blatt; wer einen Meter schafft, bevor das Benzin ausgeht, hat gewonnen. Aber die Blätter wollen nicht, sie bleiben dem Boden verhaftet. In einer Baumkrone versteckt sich Loriot, bin mir sicher, und jene alte Dame kommt zur rechten Zeit, sie wird dem Gegenwind nicht gewachsen sein.

   

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Stand: 2008.07.22, 00:56
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