Das erste Mal und 30 Zentimeter

Kann diesen amerikanischen Kettenkram nicht leiden. Aus Prinzip. In der Sache aber eben doch lecker. Nur manchmal natürlich, und eigentlich auch nicht wirklich, kommt immer drauf an, ach egal. An der Ampel steht jedenfalls jemand mit so einem dampfenden Ding in der Hand direkt neben mir. Sieht appetitlich aus, ich habe Hunger und brauchte das Geld, auf die Schnelle also diesmal eben nicht McDonalds, sondern Subway.

Komische Absperrung vor der Theke, keine Ahnung, wo man da reinlaufen muss, klassischer Fehlstart. Erst mal zuschauen, ich gucke. Der Typ guckt zurück, »bin gleich für Sie da!«, warum guckt dieser Blödmann, noch nie einen brotschmierenden Menschen gesehen? Eigentlich hat er ja Recht, aber das hier ist mein Jungfernflug, da darf man ein bisschen doof gucken, »lassen Sie sich nicht stören, bin zum ersten Mal hier und neugierig« und jetzt schmier weiter, du Nuss. Der Typ lächelt, »kein Problem, ist alles ganz einfach: Sie suchen aus – und wir kreieren das Brot.«

Ich suche mir also eins aus, er kreiert es und die nette Kundin nebenan schwatzt mir ein alternatives Dressing auf, ich muss drei mal nachfragen, weil ich nichts verstehe, honnimasterd, honnimasterd, zuerst denke ich, die beschimpft mich, aber kann ja nicht sein, sie grinst ja, tirili, also eben honnimasterd und wenn schon denn schon: die doppelte Größe, volle dreißig Zentimeter. Draußen der Schreck; es riecht lecker, jedoch mein Biss geht ins Leere. Ganz schön weich, diese Dinger.

(Aber das Dressing war ok, tirili.)

   

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Fünfzig Tropfen soll ich nehmen. Sagt die Bedienungsanleitung.

Manchmal denke ich darüber nach, zwei Tropfen mehr zu nehmen. Wegen des Schwundes. Es bleibt ja immer ein bisschen von der Flüssigkeit im Glas kleben, ein dünner, hellbrauner Film, der sich später in einer kleinen Pfütze sammelt, die versammelte Nachlässigkeit. Das lässt sich nicht vermeiden. Bei einem Löffel wäre das anders, den kann man ja ablecken, da gibt es keinen Schwund. Nur passen fünfzig Tropfen beim besten Willen nicht auf einen Löffel. Ich könnte mehrere Löffel nehmen, nacheinander, aber das gefällt mir nicht. Wirkt so getrieben. Und ich müsste Tropfen zählen und Löffel. Dritter Löffel, fünfter Tropfen, und so weiter. Nein, ich bleibe beim Glas. Wird schon gehen, das mit dem Schwund, meine Gedanken schweifen nach zwanzig Tropfen sowieso ab und die Tropfen, die ich anschließend übersehe, die gleichen die verschwundenen ganz sicher wieder aus. Ich sollte mir keine Sorgen machen. Schmeckt sowieso scheiße, das Zeug.

   

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Tango

Dann stelle ich mich in die Reihe der Pissoirs, das zweite von links ist meines, war ja erste Wahl beim ersten Gang des Abends, nun immer und immer wieder dieses eine, ich sollte mir angewöhnen, die Pissoirs zu wechseln, nicht, dass es wichtig wäre, die ganze Allee der Pissoirs zu markieren, aber es ist mir suspekt, dass ich magisch angezogen werde von immer genau dem, das ich als erstes wählte, habe den Vorsatz natürlich schon wieder vergessen, jetzt also wieder das zweite von links. Ich würde meine Hosen jetzt gerne auf die Schuhe hinunterfallen lassen. Nackter Arsch und nackte Beine. Und nach und nach kommen andere Männer, und einer nach dem anderen lässt seine Hosen hinunterfallen auf die Füße, manchmal schaut einer zur Seite, manchmal grinst einer, und ich würde das jetzt gerne sehen, die Reihe der Pissoirs und der Männer, wie sie aus ihren Hosen wachsen.

   

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Und dann stehe ich in der Wohnungstüre und warte, vier Etagen, ich hatte den Mann ganz vergessen, jetzt erinnere ich auch den Hunger. Pizza und Salat, irgendetwas fehlt, bin schusselig in diesen Tagen. Kurz bevor er da ist, fällt es mir ein, ich schaffe es noch in die Hose, er starrt mir auf die nackte Brust. Danke, stimmt so.

   

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Meine Fingernägel sind zu lang, das Schreiben wird von lichtem Klickern begleitet. Kann mich nicht zum Schnitt entscheiden, habe aus unerfindlichen Gründen in den letzten Tagen eine Aversion gegen Männerhände mit perfekt gestutzten Nägeln entwickelt; dieses Rosige darunter, die Bereitschaft dahinter. Vermutlich ja ein Nebeneffekt der Arbeitslosigkeit, mal nachschauen, ob Hartz das berücksichtigt; Miete, Strom, Nagellack. Kurz darüber nachgedacht, den Weltrekord ins Auge zu fassen.

   

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7B

Neben mir sitzt Stuckrad-Barre. Er nimmt ein Skalpell aus der Tasche und einen Bleistift, dann schnitzt er. Er guckt verkniffen, ich schiele. Das Skalpell ist Teil eines Leathermans, sehe ich jetzt, das muss er sich selbst gebastelt haben. Kann mir nicht vorstellen, dass es Leathermans mit Skalpell gibt. Wofür sollte man das auch brauchen. Falls man einen Luftröhrenschnitt setzen muss, ja, dann vielleicht, und anschließend mit der Hülse eines Kugelschreibers, kennt man ja.

Der Bleistift ist spitz, den Leatherman legt er neben das große Papier, man weiß ja nie, von dem Plandenas wird mir immer ein bisschen übel. Was Besseres gibt es hier nicht, schmeckt auch nicht schlecht, aber mir wird eben übel. Nun zeichnet der Blödmann. Menschen. Ich hatte ja meinen kleinen Notizblock mitgenommen, den Füllfederhalter, kann doch jetzt nicht neben dem Zeichner sitzen und schreiben, das sieht ja bescheuert aus. Habe meinen Fotoapparat vergessen.

Ein paar Köpfe werden schon sichtbar, gar nicht schlecht, meiner ist nicht dabei. Wieso zeichnet der nicht mich? Ich sitze direkt neben ihm, nicht im Blickfeld, ok, aber immerhin sitze ich still, ich bewege mich nicht. Vielleicht verdeckt mich die Wasserflasche. Ist gar nicht Stuckrad-Barre. Auch schon egal.

   

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Hitzezapping

Carpendale hört auf, Bericht im Dritten. Mitreisende Fans, nur noch elf Konzerte, die letzten, danach niemals mehr. Sie fragen diese Frau, was sie denn tue, außer Fan zu sein. Sie stellt den Papp-Howie in die Ecke, direkt neben die Rosen in der Bodenvase, »Einkaufen, Kochen, Waschen, Putzen, mit Freunden treffen,« sie lächelt verlegen, »das ganz normale Leben eben.«

Einen Tastendruck weiter verendet Dirty Dancing, nichts hat sich geändert seit damals, ich habe ihn sechs Mal gesehen, nur eine diffuse Erinnerung an die dazu notwendige Konditionierung, ich ging eben mit. Swayze tanzt immer noch scheiße, ein Duracell-Hase auf Mambo, keine Ahnung, ob seine Kleine jemals einen weiteren Film gedreht hat, oder auf ewig von seinen starken Armen getragen in eine glückliche Zukunft schwebt.

Ich schalte aus, überall das gleiche.

   

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Es ist so warm, ich bin so kurz, ich bin so ungefähr.

   

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Stand: 2008.07.22, 00:56
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