Du, vor mir auf der Treppe, liegst falsch. Es war nicht der verlorene Blick auf Deinen Arsch, der mich vorbeigehen ließ.

Ich wollte keine Erinnerung haben, Dich zu sehen,
die Türe aufschließend.

   

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Frauen, die ihre Brüste sortieren.

   

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Ein warmer Abend

»Ist eh noch nix los« und sie hat Hunger. Die Halle ist leer, im Bistro ist Platz. Wir setzen uns. Ich stehe auf - ist ja Selbstbedienung hier, vielleicht auch nur heute. Nachos oder Käse oder sowas hätte sie gerne, auf der Tafel ähnelt nichts ihrer Bestellung. Ich laufe zurück, zitiere, Nudeln also, ich bestelle Nudeln und zwei Bier, auf dem Rückweg sehe ich Emily. »Nein, das ist sie nicht«, sagt sie, die Frisur würde passen, aber Emily ist bestimmt größer.

Langsam leert sich das Bistro, langsam geht es wohl los. Zu hören ist nichts. Einer nach dem anderen verschwindet in der Halle, die sich nicht füllen will. Niemand ist zu sehen. »Das Konzert findet hinten statt, im Club.« Aha. Tatsächlich, der Club ist voll. Wir stehen am Ende der Theke, ich bestelle zwei Bier. Das Schwarzlicht nervt, man sieht jede Fluse und korrekte Zahnreihen. Der Schlagzeuger ist von einer Säule verdeckt, ich verliere das Zwei-Euro-Stück. Alles wird teurer. Ich seufze, dann sehe ich Emily. »Nein, das ist sie nicht«, sagt sie, die Frisur würde passen, aber die Nase.

»Dies ist unser letzter Song. Danach kommt Kante« Wir sind erleichtert, in der Umbaupause lichten sich die Reihen. Wir erreichen die Bühne auf Spuckweite, aber es spuckt ja niemand, das hier ist Düsseldorf. Kante legt los. Ich reiße mich zusammen, so etwas erlebe ich selten, schon nach ein paar Zeilen muss ich heulen, nach innen. Sieht eh keiner, die Leute freuen sich. Der Sänger schaut mich an, er versteht mich, wir sind Brüder im Geiste. Dann erkenne ich, dass er nicht mich anschaut, sondern sie. Kann mir nicht vorstellen, dass er von der Bühne steigt, das beruhigt mich ein wenig. Keiner tanzt, keiner bewegt sich, nur der Riese neben uns will wandern. Jetzt steht er vor uns. Peter will weniger Snares auf den Ohren, mehr Felix von Susanne und mehr Licht auf den Leuten, »kann ja keinen hier sehen.« Ich habe keine Lust mehr, den großen Wanderer auszuwackeln, ich betrachte seinen Hinterkopf. In seinen Ohren stecken gelbe Stöpsel, man kennt das ja, zwei Konzerte und schon hat man einen Tinnitus. Ich puste sein linkes Ohr an, er bewegt sich tatsächlich zur Seite, es funktioniert, dann sein rechtes Ohr, dann halte ich inne, ich will ihm das Konzert nicht verderben. Ich verwerfe die Vorstellung, dass ich ihn abheben lassen könnte, sanft schwebend über die Menge, hinweg.

»Watt willz du denn mit XL?«, sagt der Junge. Drinnen ist es nicht zum Aushalten, die Decke zu niedrig, alles zu eng, eng, eng, jetzt stehen wir vor den T-Shirts. Ich lächele, der Schal verdeckt ihr Dekolletee. Das grüne T-Shirt gefällt mir am besten, sie mag das schwarze. Schwarz ist cool. Es geht nichts über schwarz. Dann hat sie sich entschieden. »Ich nehme das grüne.«

Durch die Türe fällt »Baron Samedi«, ich begleite den Bläserpart. Während ich tröte, sehe ich Emily, »Emily!«, rufe ich. Sie reagiert nicht.

   

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Luftadern

Draußen ziehen die Eiffeltürme vorbei, sie spannen ihr Netz über den Bäumen, Wiesen, Kraftfahrzeugen. Dächern. Die Häuser darunter schauen nach Süden. Als würden sie auf Erlösung warten. Die Männer auf einem Fußballplatz stehen in Reihe, kein Herrenchor ist zu hören. Hinten verlieren sich Details zu einem Bild, ich sitze in Fahrtrichtung, mein Ziel ist der Nordpol.

Die Taubenscheiße zeichnet den Baum nach, auf dem Asphalt. Ich nehme keine Umleitung, sondern schließe die Augen; die Welt gewinnt an Wirklichkeit. Sein Bild hat sich eingebrannt, Distelmeyer, er rotzt auf die Bühne, für diesen kurzen Moment fließen in seinem Gesicht zusammen: die Macht, die Lust, der Ekel. Seit Köln existiert, kann ich in Düsseldorf singen.

   

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»Wenn ich weiter rauchen darf, gerne«, antworte ich, sie sitzen schon; zwei Damen, sie bestellen vergetarisches Mangold-Auberginen-Curry auf Linsen-Couscous und Farfalle mit Tofu, Pilzen & Zuckerschoten in Koreander-Chili-Sauce, dann kommt mein Grillteller, das Fleisch ist zu zäh. Im Hintergrund reicht ein Mann einer Frau diese Vase, eine zweckentfremdete Orangina-Flasche, sie riecht an der Rose, vermutlich ein zarter Duft, wie ein Ekzem hängt die Blüte an ihrer Nase, dann riecht auch er; ja, eine Rose.

   

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Wie schnell das alles ist und so geübt, und wie ich schon im Hinschauen stolpere, weil das alles so schnell eben nicht ginge, wenn man auch nur einen Moment darüber nachdenken müsste. Ich hatte vergessen, dass aus der Gewohnheit des anderen eine Welt für sich erwächst. Wie fern das ist. Und wie schön.

   

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1m

Wenn ich mich an jenen 11.9. erinnere, dann sehe ich den Monitor vor mir, das Netz war geronnen unter der Last, die Nachrichtenseiten hatten sich auf einen Textfeed reduziert und R. rief in der Agentur an, ganz freudig erregt und so stolz. Sie hatte all das noch nicht erfahren. Und sie erzählte, dass der Kleine, mein Sohn, dass er vor wenigen Minuten gekrabbelt war, seinen ersten Meter.

   

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1,2,3

Ich habe fettige Finger, wegen der Chips. Dazu Gouda, mittelalt, und Malzbier, Vitamalz, ich werde heute nicht schlafen können. Eben noch habe ich das zehnte, zwölfte, irgendwann letzte Altbier getrunken, im Hintergrund läuft ein Video, one two three, one two three… where are those arms? Ich verdaue den Abend.

Der Mann in dem karierten Hemd setzt sich auf den Barhocker neben mich, »hallo, ich bin Jochen«, er lächelt mich an. «Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder, das war so, wie es war, dann ist alles in Ordnung. Oder – du hast sie runtergezogen. Dann haue ich dir jetzt eine in die Fresse.« Ich bin kurz davor, ihn zu küssen, den Jochen, denn er meint es ernst. Er ist mir Jutta befreundet, sagt er, und mit ihrem Freund. Und das Gespräch eben, noch draußen auf der Terrasse, das hat ihn verwirrt. Jutta erzählte ihm von Einsamkeit und von Schmerz und von den anderen Dingen, ich hörte zu, ich schaute zu, wie er ihre Hände nahm und sie fragte, wo sie jetzt sei, und ich spürte, wie er nicht alles verstand, was sie sagte. Wie konnte er; sie sprach ja zu mir, dem Russen, wie sie mich vorher noch nannte, man muss sich die Menschen ja irgendwie merken können.

Und nun sitzt er hier, der Jochen, und er schaut mich an, so hat er sie noch niemals gesehen. Und er schaut ungläubig, als er hört, dass ich Jutta gar nicht kenne, nur ihren Freund, ein bisschen, und erst zwei Sätze mit ihr sprach, bevor er kam. »Jetzt ist alles gut«, sagt er, »ich verstehe.« Dann reicht er mir die Hand, er geht, später gehe auch ich.

   

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E.

»Ich zieh mich hier aus bis aufs Letzte«, er schaut mich an, »wer bist du?«

Er hatte erzählt, dann immer schneller, jetzt hält er inne und schaut mir in die Augen, als könne er dahinter eine Antwort entdecken. Aber was sollte ich sagen und wie, ich weiß ja selbst nicht; finde einen Dreisatz, er ahnt, wir bestellen Bier.

Vorher war er im mittleren Management beschäftigt, nun untersucht er seine Geldbörse, vielleicht reicht es für Zigaretten, es reicht, nicht für mehr, das nächste Bier geht auf meinen Deckel, die weiteren. Er will nicht, aber er müsste gehen. Bin auch arbeitslos, sage ich, er zuckt, ich lache, kein Problem, ich hatte mir etwas Geld geliehen; Geld ist ohne Wert. »Wenn ich darüber nachdenke, was ich wirklich will«, er stockt, schaut sich um, »wie vermessen: zu wünschen, in diesen Tagen,« es geht um Arbeit, nicht um Berufe, nicht um die Sehnsucht nach einer Berufung, »dann würde ich gern.« Ich unterdrücke den Impuls, eine Lösung zu finden, den nötigen Raum, das Konzept, die Realisierung; ich lasse seinen Wunsch unangetastet.

Es wird kalt, wir gehen hinein, auf dem Weg tauschen wir die Namen, später Adressen, das Bier will er nicht schuldig bleiben.

   

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September

Als ich den Spargel das erste Mal sah, schaute ich weg. Zu viele Tätowierungen. Er ist ein langer, dünner Mann, vielleicht deswegen Spargel, vielleicht stinkt aber auch seine Pisse, keine Ahnung. Spargel hat noch im letzten Sommer in einer Werbeagentur gearbeitet, jetzt arbeitet er in einem Lager, dazwischen liegt ein Herzinfarkt. Die Leute sind in Ordnung, erzählte er neulich, die sagen dir, wenn du Scheiße baust, deutlich, aber am nächsten Tag hat sich alles wieder beruhigt. Oder auch nicht. Aber auf keinen Fall kriegst du ein Messer von hinten. Es geht ihm jetzt besser, glaube ich… Hatte ihn nicht gesehen, er legt den Arm um mich:

»… ist ein Samstag, hast du da schon was vor?«
»Nee, ginge schon, hab’ Zeit, jetzt sowieso. Sag nicht, dass Du da Geburtstag hast!?«
»Doch«, er grinst, »ich werde vierzig.«
»Nä!«
»Doch!«
»Nä!«

»Jetzt sag nicht…«
»Doch.«
»Nä!«
Dann schauen wir uns ungläubig an, Dinge gibt’s, es trennen uns nur ein paar Stunden und ein Herzinfarkt.

   

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Ich hätte es den beiden Frauen gerne gesagt. Ich hätte ihnen gerne gesagt, dass ich immer wieder zu ihnen hinschauen musste, weil man das ja selten sieht. Weil man das ja selten sieht, dass zwei Menschen so sehr verliebt sind, so über alle Maßen verliebt sind, dass sie zu strahlen beginnen, und so sehr zu strahlen beginnen, dass man immer wieder zu ihnen hinschauen muss. Wieder, und wieder.

Dann habe ich aber doch nur gezahlt.

   

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Routenplanung

Für den Moment unserer Begegnung passe ich mein Tempo dem ihren an und höre die alte Frau, sie weiß es bestimmt und schaut auf zu dem Greis, »wir müssen die sechs nehmen«, sie denkt nach, »ja: die sechs und dann über die Brücke und danach die vier«.

Ich drücke mich an die Wand und mache Platz für das Paar. Der kleinste der Daltons ist alt geworden, die Arme abgespreizt wackelt er breitbeinig an mir vorbei, einem unsichtbaren Duell entgegen. Er schaut konzentriert nach vorne und versucht ihren Worten zu folgen, über die Brücke dann später.

   

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Online seit: 11.11.2003
Stand: 2008.07.22, 00:56
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